Befunderhebungsfehler 

OLG Hamm, Urteil vom 04. Dezember 2015 – I-26 U 33/14, 26 U 33/14

Der Sachverhalt ist, wie in den meisten Prozessen wegen Behandlungsfehlern, nicht leicht darzustellen, weshalb er hier sehr verkürzt wird. 

 

In diesem Fall war die Patientin gestürzt. 

Der aufgesuchte Arzt Dr. P., dem in diesem Verfahren ein Behandlungsfehler vorgeworfen wurde, diagnostizierte eine Knochenhautreizung an der Steißbeinspitze. Er gab im Verfahren an, bei der Schilderung des Sturzes auch an eine Steißbeinprellung, eine Steißbeinneuralgie oder eine Steißbeinfraktur dachte. Er behandelte die Patientin in den nächsten Tagen mit 8 Infiltrationen von Schmerzmitteln. 

 

Der weitere Verlauf war für die Patientin hoch dramatisch. Durch Infektionen wurde sie in den nächsten Monaten sogar reanimationspflichtig. Die Einzelheiten sollen hier jedoch, wo es auf die Frage ankommen soll, was ein Befunderhebungsfehler ist, nicht weiter beschrieben werden.

 

Die Sachverständigen im Verfahren bemängelten, dass vor der Infiltrationsbehandlung nicht versucht worden ist, zunächst eine Linderung über eine  „kleine Schmerztherapie“ zu erreichen. Das Gericht hat zusätzlich darauf hingewiesen, dass nicht einmal eine Aufklärung dazu erfolgt wäre, dass es zunächst auch eine einfachere Therapiemöglichkeit über Tabletten geben würde, denn die wiederholte Infiltration bedeutet auch ein erhöhtes Infektionsrisiko. 

 

Diese Überlegungen waren jedoch nicht ausschlaggebend für die Haftung des Arztes.

Denn das Gericht stellte fest, dass der Arzt spätestens nach einer Woche, als sich keine Besserung einstellte, ein Röntgenbild habe veranlassen müssen.

Nach den Ausführungen des Sachverständigen im Verfahren war eine Injektionstherapie sogar kontraindiziert. Es wäre vielmehr zwingend erforderlich gewesen, das Vorliegen einer Fraktur auszuschließen. Genau das war aber nicht geschehen. 

 

„…der behandelnde Arzt  hat im Hinblick auf das Ziel der Behandlung, der Heilung des Patienten, nur dann eine ausreichende Chance zur Erreichung des Ziels, wenn er die Ursache der Beschwerden hinreichend sicher ermittelt. Wenn er dann aber grundlegende, den absoluten Standard bildende und sich deshalb für den Facharzt geradezu aufdrängende Befundungsmöglichkeiten nicht ausschöpft, weil er sich frühzeitig auf eine vermeintliche Ursache festlegt, erscheint diese Vorgehensweise nicht mehr verständlich.“

 

Die Folge ist, dass der beschuldigte Arzt hätte beweisen müssen, dass alle später auftretenden Infektionen der Klägerin nicht auf seiner Behandlung mittels Injektionen zurückzuführen sind. 

Das ist ihm in diesem Verfahren nicht gelungen. 

Er wurde u.a. zur Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 100.000 Euro verurteilt.

 

 

 

Brigitte Roth

Rechtsanwältin

 

Fachanwältin für Medizinrecht

 

Fachanwältin für Familienrecht

Dipl. Betriebswirt (FH)

 


Rathausplatz 8
86807 Buchloe

Rufen Sie an unter 

 

+49 8241 800 650

 

und vereinbaren Sie einen Besprechungstermin

 

oder nutzen Sie das Kontaktformular.